JESSIE KILGUSS – They Have A Howard Johnson’s There

 

ARTIST: Jessie Kilguss

TITLE: They Have A Howard Johnson’s There

LABEL: Independent

RELEASE DATE: 2. Dezember 2025

GENRE: Indie‑Folk / Singer‑Songwriter / Art‑Pop

LOCATION: New York City, USA

RUNNING TIME: ca. 24 Minuten

RATING: 8/10


Mit They Have A Howard Johnson’s There legt Jessie Kilguss ein Album vor, das sich wie ein stilles, aber tief vibrierendes Mosaik aus Erinnerungen, literarischen Einflüssen und emotionaler Präzision entfaltet. Es ist ein Werk, das nicht auf große Gesten setzt, sondern auf die Kraft der Reduktion: Stimme, Gitarre, Raum – und die Fähigkeit, aus kleinen Momenten ganze Welten zu formen. Produzent Charlie Nieland baut die Songs Schicht für Schicht auf, immer ausgehend von Kilguss’ Stimme, die warm, resonant und voller erzählerischer Nuancen ist. Der Auftakt Howard Johnson’s macht sofort klar, wie feinfühlig dieses Album arbeitet. Der Song ist ein indirektes Porträt ihres verstorbenen Vaters, verwoben mit einer surrealen Filmreferenz aus Dog Day Afternoon. Die Instrumentierung bleibt zurückhaltend, fast schwebend, während Kilguss’ Stimme zwischen Trauer, Zärtlichkeit und staunender Erinnerung pendelt. Es ist ein Einstieg, der die Tür zu einem sehr persönlichen, aber nie hermetischen Album öffnet.

 

St. Teresa in Ecstasy ist ein langsamer, glühender Aufbau, inspiriert von Berninis berühmter Skulptur. Gitarren und Keys von Kirk Schoenherr und Andrea Longato setzen schimmernde Akzente, während Nielands Violin‑Bow‑Guitar eine fast sakrale Atmosphäre erzeugt. Der Song wirkt wie ein Moment des Überwältigtseins – von Kunst, von Emotion, von etwas Größerem, das sich nur in Andeutungen zeigt. Mit Fool’s Fight folgt der zugänglichste Moment des Albums. Ein straffer Drum‑Groove, ein warmes Bassfundament und eine Melodie, die sofort hängen bleibt. Inhaltlich kreist der Song um eine Beziehung, die sich wie eine kosmische Kraft anfühlt – überwältigend, unausweichlich, fast mythologisch. Kilguss singt mit einer Mischung aus Klarheit und innerer Spannung, während Rembert Blocks Backing Vocals die emotionale Tiefe verstärken.

 

Chasing Down A Ghost ist das kürzeste Stück, aber eines der eindringlichsten. Der Song wirkt wie ein flüchtiger Schatten, eine Erinnerung, die man greifen will, obwohl sie sich ständig entzieht. Die Produktion bleibt minimalistisch, fast skizzenhaft – ein bewusst gesetzter Kontrast zur Opulenz der vorherigen Tracks. Lost Causes öffnet sich in Richtung Americana, getragen von resignativer Wärme. Kilguss singt mit einer Ruhe, die tröstlich wirkt, während die Instrumentierung eine weite, offene Landschaft zeichnet. Es ist ein Song, der sich langsam entfaltet und dabei eine stille, aber nachhaltige Wirkung hinterlässt. Den Abschluss bildet Jesus Was A Cross Maker, der Judee‑Sill‑Klassiker, den Kilguss mit einer Mischung aus Ehrfurcht und eigener Handschrift interpretiert. Die Version fügt sich erstaunlich organisch in das Album ein, ohne den Song zu glätten oder zu entkernen – ein leiser, aber klarer Schluss, der die thematische Linie des Albums elegant abrundet.

 

Fazit: They Have A Howard Johnson’s There ist kein Album, das sich aufdrängt, sondern eines, das sich öffnet, wenn man ihm Zeit gibt. Kilguss schreibt Songs, die wie kleine Räume funktionieren – Orte, in denen Erinnerungen, Kunstwerke, Bücher und persönliche Erfahrungen ineinanderfließen. Es ist ein Werk voller literarischer Referenzen, emotionaler Klarheit und musikalischer Feinheit. Ein Album, das wächst, je länger man darin verweilt – und das zeigt, wie viel Kraft in Zurückhaltung liegen kann.



21.12.2025 veröffentlicht von: Thomas M. © Metal-Division Magazine

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