Reichenhall - Motormorla
ARTIST: Reichenhall
TITLE: Motormorla
RELEASE DATE: 31. Dezember 2025
GENRE: Ambient / Experimental / Kraut / Electronic
ORIGIN: Deutschland
RATING: 8/10
Mit Motormorla veröffentlichen Reichenhall ein Konzeptalbum, das sich bewusst zwischen Ambient, Kraut, experimenteller Elektronik und Hörspiel‑Ästhetik bewegt. Die Berliner Formation nutzt Loops, Drones, Field Recordings und elektronische Transformationen, um eine surreale Klangwelt zu erschaffen, die sich um die titelgebende Kreatur „Motormorla“ dreht — ein mythisches Wesen, gefangen im ewigen Stau zwischen Kamen und Bergkamen. Das Ergebnis ist ein Album, das weniger wie eine Sammlung von Tracks wirkt und mehr wie ein auditiver Roadmovie im Stillstand. Der 18‑minütige Opener Between Kamen and Bergkamen baut sich langsam auf: zarte Drones, leise Klicks, organische Geräusche, weibliche Vokalfragmente. Die Stimmung kippt allmählich von freundlich zu unterschwellig unheimlich. Reichenhall arbeiten hier mit subtilen Verschiebungen, die erst spät ihre Wirkung entfalten. Stop & Go erweitert das Klangbild in Richtung Electro‑Krautrock. Der Track pulsiert entspannt vor sich hin, während Zirp‑Geräusche und modulierte Drones eine Art entschleunigten Maschinenrhythmus erzeugen. WDR Offline bringt mehr Struktur ins Album: ein schräger Synth‑Pop‑Unterbau, ein Kopfnicker‑Beat und leichte Fusion‑Anklänge.
Es ist einer der zugänglichsten Momente der Platte. Der Titeltrack Motormorla führt das Konzept weiter: bedrohliche Kehllaute, minimalistische IDM‑Beats, knarzende Texturen. Hier erhebt sich das Wesen erstmals hörbar aus dem Nebel des Staus. Submerged Voices arbeitet mit verfremdeten Stimmen, die wie durch Wasser oder Nebel dringen — ein Stück, das zwischen Ambient und Hörspiel pendelt. Transit Noises verstärkt diesen Ansatz mit reduziertem Swing‑Rhythmus und fragmentierten Geräuschen. Das Finale Bye Bye Highway löst sich zunehmend von festen Strukturen. Der Track wirkt wie freie Improvisation, ein assoziativer Klangstrom, der das Album atmosphärisch abrundet. Die Stau‑Metapher löst sich auf, und die Musik driftet in eine Art meditative Ruhe. Die Produktion ist bewusst roh, organisch und detailreich. Die vier beteiligten Musiker — Wöstheinrich, Radiomodul, Sylvestre und Lankow — arbeiten mit Loops, Echtzeit‑Transformationen und Soundscapes, die sich zu einem dichten, aber nie überladenen Gesamtbild verweben. Die Stimme von Uschi Hugo im finalen Stück verleiht dem Album eine zusätzliche narrative Ebene.
Fazit: Motormorla ist ein atmosphärisch dichtes, experimentelles Konzeptalbum, das Reichenhall als kreative Klangarchitekten zeigt. Die Mischung aus Ambient, Kraut, IDM und Hörspiel‑Elementen ergibt ein Werk, das Zeit, Bewegung und Stillstand auf ungewöhnliche Weise reflektiert. Ein Album für Hörer, die sich auf langsame Entwicklungen, subtile Details und narrative Elektronik einlassen wollen.
