Jinjer, Textures & Unprocessed in der Tonhalle, München (14.02.2026)
Am Valentinstag 2026 bebte das Münchener Werksviertel unter einem der massivsten Tour-Pakete des modernen Metal: Jinjer luden im Rahmen ihrer „European Duél Tour“ in die fast ausverkaufte Tonhalle. Mit dabei waren die Math-Rock-Pioniere Textures und die Progressive-Virtuosen Unprocessed – ein Line-Up, das technisch anspruchsvoller kaum hätte sein können und die Grenzen des Genres neu definierte. Der Abend zeigte eindrucksvoll, warum Jinjer in internationalen Fachmagazinen seit Jahren als eine der konstant stärksten Live-Formationen im modernen Progressive Metal gehandelt werden.
Den Abend eröffneten Textures. Nach ihrer vielbeachteten Reunion war die Erwartungshaltung im bereits gut gefüllten Saal spürbar. Die Niederländer enttäuschten nicht: Ihr Set war eine meisterhafte Reise durch eine Diskografie, die das Genre geprägt hat. Der Einstieg mit „Void“ und „Closer to The Unknown“ verdeutlichte sofort, warum Textures oft als die Architekten des modernen Progressive Metal genannt werden. Mit „New Horizons“ und dem Fan-Favoriten „Reaching Home“ bewiesen sie ihr Gespür für hymnische Melodien, bevor „Timeless“ und „Measuring the Heavens“ die polyrhythmische Komplexität zurückbrachten. Besonders die Performance des Klassikers „Awake“ sorgte für Gänsehautmomente, während „Laments of an Icarus“ die Tonhalle in ein rhythmisches Beben versetzte. Sänger Daniël de Jongh bewies eine stimmliche Reichweite und emotionale Tiefe die derzeit ihresgleichen sucht.
Anschließend übernahmen Unprocessed, die spätestens seit ihrem Meilenstein-Album „Lore“ als eine der spannendsten Formationen des Genres gelten. Ihr Auftritt war geprägt von chirurgischer Präzision. Schon beim Opener „111“ wurde klar, dass Manuel Gardner Fernandes’ einzigartiger Spielstil – eine Mischung aus perkussivem Slapping und rasantem Fingerstyle – live noch beeindruckender wirkt als auf Platte. Bei „Sleeping With Ghosts“ und „Beyond Heaven’s Gate“ verschwammen die Grenzen zwischen djentiger Härte und atmosphärischer Weite. Besonders die Songs „Thrash“ und „Glass“ zeigten die rhythmische Komplexität der Band, während „Sacrifice Me“ und das verträumte „Snowlover“ die melodische Seite betonten. Das Publikum reagierte besonders euphorisch auf „Solara“ und den Titeltrack „Lore“, dessen komplexes Riffing international bereits als „Polyphia-Style mit deutlich mehr Biss“ gefeiert wurde. Den Abschluss bildete das epische „Terrestrial“, das die Messlatte für den Hauptact extrem hoch legte.
Nach einer kurzen Umbaupause erloschen die Lichter, und das düstere „Prologue“-Tape erzeugte eine gespannte Erwartungshaltung, die sich mit den ersten Takten von „Duél“ entlud. Jinjer betraten die Bühne inmitten einer beeindruckenden visuellen Inszenierung. Die Bühne tauchte in dominantes Rot, durchzogen von harten weißen LED-Blitzen, die Breakdowns wie fotografische Momentaufnahmen einfingen. Die großflächige Videowall im Hintergrund arbeitete nicht nur illustrativ, sondern dramaturgisch: rhythmisch geschnittene Visuals und grafische Kontraste verstärkten die musikalischen Spannungsbögen und verliehen der Show einen cineastischen Charakter.
Tatiana Shmayluk bewies ab der ersten Sekunde ihre Ausnahmestellung. Ihr Wechsel zwischen ätherischem Clean-Gesang und markerschütternden Growls bei „Green Serpent“ und dem rasanten „Fast Draw“ war technisch makellos und emotional kontrolliert. „Vortex“ sorgte mit seinem markanten Groove erstmals für geschlossene Bewegungswellen im Publikum. „Disclosure!“ und „Tantrum“ unterstrichen die instrumentale Präzision – ein Zusammenspiel zwischen Eugene Abdukhanov am Bass und Vlad Ulasevich an den Drums, das selbst in dichtesten Passagen klar definiert blieb: Härte ohne Klangbrei.
Mit „Teacher, Teacher!“ und „Kafka“, das durch seinen jazzigen Unterton bestach, verschob sich der Fokus auf rhythmische Spannung. Besonders „Judgement (& Punishment)“ entwickelte eine fast hypnotische Wirkung durch den Einsatz von Reggae- und Dub-Elementen – eine musikalische Facette, die Tatiana souverän aus ihrer Vergangenheit integriert hat. In der Tonhalle war dieser Wechsel zwischen Minimalismus und maximaler Wucht, den auch das ausländische Feuilleton als Markenzeichen der Band beschreibt, körperlich spürbar.
Der emotionale Kern des Abends formierte sich in „I Speak Astronomy“ und „Perennial“. Hier zeigte sich die dramaturgische Reife, atmosphärische Passagen als gezielten Aufbau für kontrollierte Eskalation zu nutzen. „Pisces“, längst zum globalen Aushängeschild geworden, funktionierte als kollektiver Höhepunkt. Tatiana agierte hier mit einer „disziplinierten Intensität“, die ohne unnötige Gestik auskam.
„Someone’s Daughter“ und der neue Brecher „Rogue“ hielten das Energielevel hoch, bevor „Sit Stay Roll Over“ als Zugabe noch einmal rohe Direktheit in den Vordergrund stellte. Das abschließende „Micro“ vom Band entließ das Publikum mit einem bewusst gesetzten Ausklang. Die fast ausverkaufte Tonhalle reagierte mit einer Mischung aus Circle Pits und konzentrierter Stille – ein Beweis für die internationale Strahlkraft einer Band, die Brutalität, Groove und Atmosphäre auf höchstem Produktionsniveau austariert.
