Rock im Park 2026 – Freitag, 5. Juni: Willkommen zurück, Nürnberg
Nürnberg, Zeppelinfeld
Rock im Park feiert 2026 sein 30-jähriges Bestehen – und der erste Tag des Festivals macht deutlich, warum das Zeppelinfeld längst zu einem der wichtigsten Pflichttermine im europäischen Rock-Kalender gehört. Bereits am frühen Nachmittag strömen die Massen durch die Eingänge, Bierbecher und Sonnencreme in der Hand, das kollektive Erwartungsgefühl spürbar in der Luft. Drei Bühnen, ein Wochenende, und das Gefühl, dass hier etwas passiert, das größer ist als die Summe seiner Teile. Der Freitag übernimmt die Aufgabe, dieses Gefühl zu bestätigen – und er schafft es mit Bravour.
The Pretty Reckless – Utopia Stage | 14:00 Uhr
Den wohl stärksten Nachmittagsmoment des Tages liefern The Pretty Reckless auf der Utopia Stage. Taylor Momsen und ihre Mannschaft eröffnen die Stunde mit "Death by Rock and Roll" und machen sofort klar, dass hier kein gemütliches Aufwärmprogramm stattfindet. Der Sound sitzt, die Haltung auch – Momsen wirkt wie jemand, der nicht auf einem Festival spielt, sondern den Platz schon immer besessen hat. Das Riff eröffnet, die Menge antwortet, und für einen Nachmittagsauftritt ist die Dichte vor der Bühne bemerkenswert. Die Setlist liest sich wie ein Best-of-Querschnitt durch das gesamte Bandschaffen: "Since You're Gone" und "Make Me Wanna Die" aus der Frühphase treffen auf das düstere "Going to Hell" und den Stampfer "Heaven Knows", der die Menge endgültig aus der Nachmittagsträgheit reißt. Bemerkenswert ist die Einbindung von Material des zuletzt veröffentlichten Albums "Dear God" – "For I Am Death" und "When I Wake Up" zeigen, dass die Band keine Nostalgiebox bedienen will, sondern eine lebendige, wachsende Einheit ist. "Witches Burn" trifft inmitten des Sets wie eine Faust, und Ben Phillips' Gitarrenarbeit ist über den gesamten Auftritt hinweg makellos. Das Finale mit "Heaven Knows" und "Take Me Down" lässt kaum jemanden kalt. Wer The Pretty Reckless bisher unterschätzt hatte, dürfte seinen Irrtum heute eingesehen haben – hier steht eine Band, die weiß, was sie ist, und das ohne jeden Selbstzweifel nach draußen trägt.
LANDMVRKS – Mandora Stage | 17:45 Uhr
Die Franzosen sind momentan eine der heißesten Acts in der europäischen Post-Hardcore-Szene, und auf der Mandora Stage liefern sie den Beweis dafür. LANDMVRKS spielen mit einer Präzision und Intensität, die größeren Bands gut zu Gesicht stehen würde – Florent Salfati's Vocals sind kraftvoll und ausdrucksstark, die Gitarren druckvoll, der Rhythmus unerbittlich. Die Energie im Pit ist von Anfang an auf Anschlag. Was die Band besonders auszeichnet: Sie hält die Balance zwischen melodischem Songwriting und rohem Druck, ohne in die Falle des generischen Festivalsounds zu tappen. Wer LANDMVRKS bisher nur vom Namen kannte, hat heute guten Grund gefunden, sich das Katalog anzuhören.
WARGASM – Orbit Stage | 17:40 Uhr
Das britische Duo Sam und Milkie Way bringt auf der Orbit Stage eine ordentliche Portion Chaos und Energie mit. WARGASM sind laut, provokant und sehr, sehr direkt – soundtechnisch irgendwo zwischen Grunge, Metal und Punk angesiedelt, mit einem Schuss Digitalverzerrung, der sie von der Masse abhebt. Die Kombination aus Sam's Gitarrenattacken und Milkie Way's Vocals, die mühelos zwischen melodisch und beißend wechselt, funktioniert auf der Bühne noch besser als auf Platte. Das Publikum an der Orbit Stage ist klein, aber komplett überzeugt – und wer zufällig vorbeiläuft und stehen bleibt, tut das in der Regel bis zum Ende des Sets. WARGASM sind eine Band, auf die man achten sollte.
Ice Nine Kills – Mandora Stage | 19:15 Uhr
Die Horror-Metaller aus Boston sind seit Jahren einer der aufregendsten Live-Acts in ihrer Szene, und Rock im Park ist genau das richtige Pflaster für ihr theatralisches Konzept. Jeder Song ist ein Filmszenario, Spencer Charnas ist ein Frontmann, der die Grenze zwischen Konzert und Bühnenstück konsequent ignoriert. Das Konzept – Horror-Referenzen von "The Shining" bis "Scream", verpackt in brettharten Metalcore – trägt live besonders gut. Die Mandora Stage ist für diesen Auftritt gut gefüllt, und die Fangemeinde, die hier steht, steht nicht zufällig. Ice Nine Kills liefern eine Show, die lange nachhallt.
Electric Callboy – Utopia Stage | 18:55 Uhr
Es gibt wohl keine deutschere Erfolgsgeschichte der letzten Jahre als Electric Callboy. Die Band aus Castrop-Rauxel hat sich von der Metalcore-Nische in die Hauptbühnen der größten Festivals Europas gespielt – und auf der Utopia Stage erlebt man, warum. Das Set enthält mit "RATATATA" (ihrer Kollaboration mit BABYMETAL) einen der absurdesten und gleichzeitig eingängigsten Festivalmomente des Jahres, dazu den Sum-41-Cover "Still Waiting", der die Nostalgiefalle elegant umgeht, und Dauerbrenner wie "Hypa Hypa" und "MC Thunder II (Dancing Like a Ninja)", die das Publikum in einen Zustand versetzen, der irgendwo zwischen Metalkonzert und Dorfdisco liegt – und für den es kein besseres Wort gibt als Electric Callboy. Die Bühnenshow ist perfekt einstudiert, der Spaßfaktor maximal, und dass Kevin Ratajczak und Nico Sallach die Menge auch zwischen den Songs bei Laune halten, gehört inzwischen zur Marke. "Hurrikan", "Let the Good Times Roll" und "We Got the Moves" runden ein Set ab, das niemanden unglücklich nach Hause schickt.
Volbeat – Utopia Stage | 21:10 Uhr
Die Dänen übernehmen als Headliner auf der Utopia Stage die Kontrolle über den Abend – und sie tun es mit der Gelassenheit einer Band, die sich auf keiner Bühne der Welt mehr beweisen muss. Michael Poulsen und seine Band öffnen mit "The Mirror and the Ripper", einem der kraftvollsten Opener ihres aktuellen Repertoires, und stellen damit sofort klar, dass dieser Abend kein Best-of-Museum wird. "Lola Montez" und "Demonic Depression" folgen mit der geschmeidigen Selbstverständlichkeit von Songs, die live einfach funktionieren. "Fallen" und "Sad Man's Tongue" sind Volbeat-Klassiker, die im Festivalkontext besonders tragen – breite Melodien, die das ganze Gelände zum Mitsingen bewegen. Mit "Ring of Fire" – dem Johnny-Cash-Cover, den Volbeat so vollständig zu ihrem eigenen gemacht haben – gibt es einen von jenen Momenten, an denen die Grenze zwischen Original und Coverversion vollständig verschwimmt. "The Devil's Bleeding Crown", "By a Monster's Hand" und "Guitar Gangsters & Cadillac Blood" bilden das Rückgrat eines Sets, das zwischen neuen Songs und bewährten Livehits ausgewogen balanciert. "Dead but Rising" und "Let It Burn" schicken das Zeppelinfeld in die Nacht – warm, laut und vollständig zufrieden.
H-Blockx – Orbit Stage | 01:00 Uhr
Als einer der letzten Acts des Tages haben die Münsteraner H-Blockx den undankbaren, aber auch privilegierten Slot: Wer um 1 Uhr nachts noch auf den Beinen steht, ist wirklich da. Die Band, die in den 90ern mit ihrem Mix aus Rock, Rap und Alternative eine ganz eigene Nische besetzt hat, beweist auf der Orbit Stage, dass ihre Energie nicht nachgelassen hat. Thiemo Pittis Stimme, das Zusammenspiel aus verzerrten Gitarren und rhythmischer Energie, Songs wie "Time to Move" und "Fly" – H-Blockx sind an diesem Abend kein Nostalgieprojekt, sondern eine lebendige Band, die mit einem treuen Rest-Publikum feiert, das genau weiß, wofür es hiergeblieben ist. Ein würdiger Abschluss eines langen Tages.
Weitere Highlights des Tages
Schon am frühen Nachmittag sorgte Ecca Vandal auf der Utopia Stage für einen gelungenen und energiegeladenen Einstieg in den Festivaltag. Tom Morello bewies auf derselben Bühne einmal mehr, warum er zu den prägendsten Gitarristen seiner Generation zählt – sein solistischer Auftritt ist stets eine Klasse für sich. Three Days Grace lieferten soliden kanadischen Rock für die Fans der frühen Nullerjahre. Auf der Mandora Stage sorgten Bury Tomorrow und Paleface Swiss für kompakte, druckvolle Sets, während auf der Orbit Stage The Subways mit britischem Indie-Charme und Dying Wish mit brachialer Intensität überzeugten. Thornhill und Palaye Royale hielten das Orbit-Publikum bis tief in die Nacht bei der Stange.
Fazit
Der Auftakt von Rock im Park 2026 liefert alles, was ein guter Festivaltag brauchen: starke Nachmittagssets, die überraschen (The Pretty Reckless), Geheimtipp-Momente, die bestätigen (LANDMVRKS, WARGASM), einen Abendhöhepunkt mit Absurdgarantie (Electric Callboy), und einen Headliner, der das Zeppelinfeld mit wohligem Dänisch-Metal in die Nacht entlässt. H-Blockx halten die letzten Stehenden in der Nacht warm. Nach 30 Jahren hat Rock im Park nichts von seiner Strahlkraft verloren.
Rock im Park 2026 | Zeppelinfeld, Nürnberg | 5.–7. Juni 2026
