Rock im Park 2026 – Samstag, 6. Juni: Von Bollywood-Pit bis British Steel

Nürnberg, Zeppelinfeld

Wenn Freitag der Aufwärmtag ist, dann gehört Samstag dem Spektakel. Rock im Park serviert an seinem mittleren Tag ein Lineup, das unterschiedlicher kaum sein könnte – und genau das macht ihn zum vielleicht aufregendsten Festivaltag des Wochenendes. Von indischen Folkloreeinlagen bis zu britischen Metal-Legenden mit Pyrotechnik und Eddie: Das Zeppelinfeld erlebt einen Tag voller Kontraste, der in Summe mehr ergibt als die Einzelteile erwarten ließen.


Bloodywood – Mandora Stage | 15:35 Uhr

Es gibt Bands, die man einmal live gesehen hat und danach nie mehr vergisst. Bloodywood gehören dazu. Das Trio aus Delhi bringt eine Mischung aus Djent, Nu-Metal und indischer Folkmusik auf die Mandora Stage, die auf dem Papier waghalsig klingt und live schlicht umwerfend funktioniert. Raghu Dixit an Dhol und Tumbi liefert perkussive Energie, die man auf einem Metalfestival so nicht erwartet; Jayant Bhadula am Mikrofon wechselt mühelos zwischen melodischem Gesang und hartem Screaming; Karan Katiyar an der Gitarre verbindet beide Welten mit einem Riffing, das sowohl nach Mastodon als auch nach Bollywood klingt – und dabei keine dieser Bezeichnungen ganz trifft. Das Publikum, das zu einem guten Teil wohl zum ersten Mal mit der Band in Berührung kommt, steht schnell komplett unter Strom. Crowdsurfer über einem Pit mit indischen Folkrhythmen – das ist eben kein Alltag auf einem deutschen Festival. "Dana Dan", "Machi Bhasad", "Jee Veerey" – die Songs haben eine Wucht und gleichzeitig eine Fröhlichkeit, die schwer zu widerstehen ist. Bloodywood sind der Überraschungsmoment des Samstags. Wer beim ersten Klang der Dhol stehen geblieben ist, hat eine Stunde nicht mehr weggeschaut.

 

Social Distortion – Mandora Stage | 18:10 Uhr

Mike Ness und seine Band sind keine Newcomer – Social Distortion existieren seit über vierzig Jahren und haben den Punk-meets-Country-Blues-Sound irgendwo zwischen Johnny Cash und The Clash erfunden, den sie noch heute mit stoischer Konsequenz spielen. Auf der Mandora Stage liefern sie einen Set, der von Anfang an keine Fragen offen lässt: Diese Band hat den Begriff Coolness miterfunden, und sie hat seitdem nichts davon zurückgegeben. Ness selbst ist eine Bühnenerscheinung, die man nicht einfach ignorieren kann – tätowiert, geerdet, absolut präsent, mit der Haltung eines Mannes, der weiß, was er hat und es niemandem schuldet zu erklären. "Story of My Life" gehört zu jenen Songs, die auf Festivals eine Wand von Mitgesang erzeugen. "Ball and Chain", "Ring of Fire" und die älteren Punk-Brocken sorgen für einen Set, der sich nicht verbiegt und nicht versucht, jünger zu klingen als er ist. Für Fans ist der Auftritt eine Pflichtstation, für Neulinge eine Offenbarung. Social Distortion spielen, als wäre die Zeit stehengeblieben – im besten Sinne.


Alter Bridge – Mandora Stage | 19:40 Uhr

Alter Bridge sind eine Band, die in Deutschland mehr als nur eine loyale Fangemeinde haben – sie haben eine, die ihnen bei jedem Auftritt aufs Neue beweist, wie sehr sie gemisst wurden. Myles Kennedy und seine Mitstreiter liefern auf der Mandora Stage eine Show ab, die technische Perfektion mit emotionaler Wucht verbindet. Kennedy ist nach wie vor eine der besten Stimmen, die der Rock derzeit zu bieten hat – seine Bandbreite, die mühelose Leichtigkeit mit der er von rauem Grunzen in weit geschwungene Melodielinien wechselt, ist live noch eindrücklicher als auf Platte. Mark Tremonti an der Gitarre sorgt dafür, dass kein Moment leerlaufen kann: jedes Solo sitzt, jedes Riff greift. "Isolation", "Rise Today", "Blackbird" – Alter Bridge spielen Songs, die auch nach zwanzig Jahren keine Abnutzungserscheinungen zeigen. Das Publikum vor der Mandora Stage singt laut mit, und es gibt Momente, in denen Band und Publikum sich so offensichtlich gegenseitig tragen, dass man fast vergisst, man sei auf einem Festival und nicht in einer Halle. Alter Bridge sind in dieser Form der beste Beweis, dass klassischer Hard Rock keine Altlast ist, sondern eine Haltung.

 

A Perfect Circle – Mandora Stage | 21:20 Uhr

Tool-Frontmann Maynard James Keenan erscheint auch mit A Perfect Circle nicht im Rampenlicht – buchstäblich: er singt traditionell mit dem Rücken zum Publikum, in einem abgedunkelten Bühnenbereich, der Präsenz durch Abwesenheit erzeugt. Diese bewusste Verweigerungshaltung passt perfekt zur Musik. A Perfect Circle sind kein Konzert, das man genießt – man erlebt es, man hält es aus, man gibt sich ihm hin. Billy Howerdel's Gitarrenarbeit trägt die Songs mit einer Textur, die gleichzeitig industriell und organisch klingt; Keenan's Vocals darüber sind das, was sie immer waren: unverkennbar, unvergleichlich, leicht unheimlich. "Judith", "3 Libras", "Mer de Noms" – die Klassiker des Debütalbums entfalten im Freilichtkontext eine ganz eigene Wirkung. Die Lichtshow arbeitet mit dem Dunkel statt gegen es, und das Ergebnis ist ein Auftritt, der sich anfühlt wie ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen der intensivsten Momente des gesamten Festivals. Wer Easy Listening erwartet hat, steht jetzt vor einer Erfahrung, die er sich so nicht vorgestellt hatte – und ist trotzdem geblieben.


Sabaton – Mandora Stage | 23:20 Uhr

Sabaton sind die verlässlichste Partytruppe, die der Heavy Metal kennt. Die Schweden kommen, schlagen die Trommel der Geschichte und lassen die Menge ihre Fäuste im Takt von "Ghost Division", "Bismarck" und "Primo Victoria" in die Luft reißen. Das 19-Song-Set auf der Mandora Stage ist ein Monument an Konsequenz: kein Selbstzweifel, keine Experimente, nur Sabaton in Reinform. "Ghost Division" eröffnet mit der geballten Energie einer Band, die seit Jahren auf Topspeed fährt und nicht bremst. "Yamato" und "The Red Baron" folgen als Liebeserklärungen an Schlachten, die die meisten Anwesenden nur aus dem Geschichtsbuch kennen – und die auf einmal klingen wie Hymnen. "Night Witches", der Song über die sowjetischen Pilotinnen des Zweiten Weltkriegs, gehört zu den emotionalen Höhepunkten des Sets: kaum ein anderer Sabaton-Song verbindet historisches Gewicht mit unverhohlener Feierlichkeit so überzeugend. "The Great War" und "Stormtroopers" liefern Material aus dem konsequent auf den Ersten Weltkrieg fokussierten Masterwerk der Band. "Bismarck" lässt das Publikum um fast Mitternacht noch einmal die Fäuste heben, und "Coat of Arms" sowie das riesige Finale mit "Swedish Pagans" und "To Hell and Back" bringen das Publikum ein letztes Mal auf Betriebstemperatur. Wer um Mitternacht noch auf den Beinen tanzen will, ist bei Sabaton goldrichtig – es gibt keine bessere Band für diesen Job.

 

Iron Maiden – Utopia Stage | 20:40 Uhr

Der Headliner des Samstags braucht keine lange Einleitung. Iron Maiden spielen auf der Utopia Stage und sie spielen, als wäre es 1984 – und das ist das größte Kompliment, das man machen kann. Bruce Dickinson, Mitte sechzig, bewegt sich über die Bühne als hätte er einen Vertrag mit dem Teufel persönlich unterschrieben, der ihm ewige Bühnenpräsenz garantiert. Er rennt, er springt, er redet, er kommandiert – und das Zeppelinfeld gehorcht. "Murders in the Rue Morgue" eröffnet mit Pyro und macht sofort klar: Das ist kein gemütliches Retrospektiv-Konzert, das ist Iron Maiden auf voller Fahrt. "Wrathchild" und "Killers" legen nach, bevor "The Number of the Beast" das Zeppelinfeld in eine kollektive Katharsis verwandelt – tausende Stimmen, ein Text, der seit Jahrzehnten auswendig sitzt, und Eddie, der als überdimensionierte Bühneninstallation aus dem Dunkel taucht. "Infinite Dreams" und das pyrobegleitete "Powerslave" folgen als Mittelstück, das zeigt, dass Maiden nie aufgehört haben, ihre Klassiker weiterzuentwickeln. "2 Minutes to Midnight" zündet den nächsten Feuerstoß, "Rime of the Ancient Mariner" – das epische Werk aus dem Powerslave-Album – erfordert vom Publikum Geduld und Hingabe, belohnt beides mit einem der eindrücklichsten Festivalmomente des Jahres. "Run to the Hills" mit Flammen, "Seventh Son of a Seventh Son", "The Trooper" mit Eddie-Walk-on – die Bühne ist ein Spektakel, das auch ohne Musik sehenswert wäre. "Hallowed Be Thy Name" kommt mit Pyro, Flammen und Lift-Einsatz zugleich und ist, wie immer, einer jener Momente, in denen tausend Menschen verstehen, warum sie Metalfans sind. Im Encore dann "Aces High" mit dem Churchill-Intro-Sample, das das Zeppelinfeld zum Dröhnen bringt. "Fear of the Dark" folgt – und wer diesen Song jemals mit Iron Maiden live erlebt hat, weiß, was passiert: die ganze Menge singt, von der ersten bis zur letzten Note, und Bruce Dickinson muss sich keine Mühe geben, weil das Publikum die Arbeit übernimmt. "Wasted Years" schließt den Abend ab, ein letztes Mal Feuer, ein letztes Mal Fäuste in der Luft. Ein Auftritt für die Geschichtsbücher.


Weitere Highlights des Tages

Der Tag beginnt stark mit Bad Nerves auf der Utopia Stage, die früh am Nachmittag beweisen, dass Garagen-Punk noch lebt und Spaß macht. Black Veil Brides und Hollywood Undead sorgen auf derselben Bühne für solide Unterhaltung im Hardrock-Bereich. Finch bescheren all jenen ein Wiedersehen, die die Band schon zu Post-Hardcore-Hochzeiten liebten. Breaking Benjamin liefern auf der Mandora Stage einen präzisen, druckvollen Auftritt, der ihre Stamm-Fangemeinde vollständig bedient. Auf der Orbit Stage glänzen TesseracT mit progressivem Metal und zählen zu den technischen Highlights des Tages, während The Story So Far Post-Hardcore-Energie auf den Punkt bringen. Kublai Khan TX schließen die Orbit Stage ab, mit einer Rohheit, die auch nach einem langen Tag noch durchdringt.

 

Fazit

Samstag bei Rock im Park 2026 ist ein Tag voller Kontraste, der genau deshalb so funktioniert: Von Bloodywood's indischem Wahnsinn über das coole Punk-Einmaleins von Social Distortion, die Präzisionsarbeit von Alter Bridge, das hypnotische Ritual von A Perfect Circle, Sabaton's Mitternachtspartei bis zu Iron Maiden's historischem Feuerwerk – das Zeppelinfeld erweist sich einmal mehr als perfekter Rahmen für genau diese Art von Vielfalt. Wer alle Bühnen im Blick hatte, hat heute zu viel verpasst. Das ist das beste Zeugnis, das ein Festivaltag bekommen kann.

 

Rock im Park 2026 | Zeppelinfeld, Nürnberg | 5.–7. Juni 2026


© Metal-Division Magazine

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