Von 800 Verrückten zum Metal-Mekka
Die unglaubliche Geschichte des Wacken Open Air
Von 800 Verrückten zum Metal-Mekka – Die unglaubliche Geschichte des Wacken Open Air
Es war eine Bierlaune. Oder zumindest begann es so. Zwei Mittzwanziger aus dem schleswig-holsteinischen Nirgendwo sitzen 1989 in einer Kneipe, hassen die Dorf-Disco nebenan und denken: Warum nicht einfach selbst ein Festival machen? Was Thomas Jensen und Holger Hübner an jenem Abend im Landgasthof „Zur Post" in Wacken beschlossen, sollte die Welt des Heavy Metal für immer verändern.
Die Kuhwiese, die Geschichte schrieb
Am 24. und 25. August 1990 fand das erste Wacken Open Air statt – auf einem Acker, der dem Wackener Bauern Uwe Trede gehörte. Sechs lokale Bands, 800 Besucher, ein Eintrittspreis von zwölf D-Mark. Jensen spielte selbst Bass in einer der Bands, Skyline. Die Security übernahmen befreundete Motorradclubs, Kartenbestellungen wurden von Andy Gösers Mutter Regina aus der Privatwohnung heraus abgewickelt. Es war improvisierter, als es klingt – und trotzdem funktionierte es.
Das ikonische Kuhschädel-Logo, heute weltweit erkennbar, entstand ebenfalls 1990. Mark Ramsauer entwarf es auf Basis einer Grundform, die Jensen und Hübner selbst festgelegt hatten. Der Schädel sollte bewusst an die Kuhwiese als Veranstaltungsort erinnern – und an die beiden „Jungs vom Dorf", wie sie sich selbst nannten.
Die mageren Jahre – und warum Wacken fast verschwand
Die ersten Jahre waren alles andere als glamourös. 1991 kamen gerade einmal 1.300 Besucher, und auch 1992 – als mit Blind Guardian und Saxon erstmals international bekannte Bands den Weg nach Wacken fanden – war kein Durchbruch im wirtschaftlichen Sinne. Mit dem Wachstum kamen die Schulden.
Mitte der 90er geriet das Festival in eine existenzielle Krise: Mehrere Konzert-Promotionen floppten katastrophal – darunter eine Show für Dio und Freak of Nature, bei der gerade 167 Tickets verkauft wurden. Die daraus resultierende Schuldenlast von rund 350.000 D-Mark zwang Jörg Jensen und Schlagzeuger Andreas Göser aus dem Organisationsteam. Eltern übernahmen Bürgschaften. Doch Jensen und Hübner gaben nicht auf.
„Entscheidend ist immer, dass man wieder aufsteht", wird Hübner in Interviews zitiert. Und genau das taten sie.
Der Durchbruch – Wacken wird international
Ab 1997 begann das Festival, international an Fahrt zu gewinnen. Bands wie Motörhead, die zum Herzstück des Wacken-Spirits wurden, und Doro Pesch zogen neue Besucherschichten an. Das Gelände wurde erweitert, die Infrastruktur professionalisiert, erste Bühnen dauerhaft aufgebaut.
In den 2000er Jahren explodierte das Wacken Open Air förmlich. Die Besucherzahlen stiegen auf über 50.000, dann 75.000 – und Tickets waren plötzlich innerhalb von Minuten ausverkauft. Das kleine Dorffest aus Schleswig-Holstein war zum Pflichttermin der globalen Metal-Szene geworden. Fans reisten aus Japan, Australien, den USA, Südamerika an. Wacken war nicht mehr ein Festival – es war eine Pilgerreise.
Meilensteine, die man kennen muss
1992 – Blind Guardian und Saxon als erste internationale Headliner. Der Startschuss für Wackens globalen Anspruch.
2002 – Das spontane gemeinsame Auftreten von Doro Pesch und Blind Guardian wird zur Wacken-Legende.
2011 – Motörheads Auftritt erschüttert das Infield. Lemmy Kilmister, seit Jahrzehnten ein Freund des Festivals, spielt eine der emotionalsten Shows der Festivalgeschichte. Die Rainbow Bar auf dem Gelände ist bis heute nach seiner Lieblingskneipe in Los Angeles benannt.
2017 – Einführung der Bier-Pipeline: Rund 400.000 Liter Bier werden seitdem nicht mehr per LKW über das Gelände verteilt, sondern direkt durch unterirdische Leitungen gepumpt – eine Meisterleistung der Wacken-Logistik, die gleichzeitig den Boden schützt.
2019 – Jensen und Hübner verkaufen die Mehrheitsanteile an Superstruct Entertainment (Providence Equity Partners). Das Festival bleibt organisatorisch in Schleswig-Holstein, wird finanziell aber Teil eines globalen Entertainment-Netzwerks. Noch im selben Jahr werden beide vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet.
2020/2021 – COVID-19 zwingt erstmals in der Festivalgeschichte zur Absage. Wacken reagiert mit einem Online-Festival – Streams werden weltweit von über einer Million Menschen verfolgt.
2025 – Guns N' Roses stehen erstmals auf dem Holy Ground – und spielen mit über drei Stunden den längsten Headliner-Slot der Festivalgeschichte.
2026: 35 Jahre Holy Ground
Zur Jubiläumsausgabe kehrt Wacken mit einem der stärksten Line-ups der letzten Jahre zurück. Mit Def Leppard, Judas Priest, Sabaton und Lamb of God stehen Acts auf der Faster & Harder Stage, die die Geschichte des Festivals auf ihre eigene Weise mitgeschrieben haben. Zum 35. Geburtstag senken Jensen und Hübner persönlich den Bierpreis um 70 Cent – auf 13,80 Euro pro Liter. Eine Geste, die alles über den Geist dieses Festivals sagt.
Von 800 Verrückten auf einer Kuhwiese zu 85.000 Pilgern aus 80 Nationen. Von zwölf D-Mark Eintritt zu einem der meistgebuchten Festival-Tickets der Welt. Die Geschichte des Wacken Open Air ist die Geschichte zweier Männer, die einfach gemacht haben – und damit, ganz ohne Plan, die Hauptstadt des Heavy Metal erschufen.
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